Schneekatastrophe im Münsterland vor 20 Jahren
Gibt es persönliche Lostage? Sicher, besonders dann, wenn die Großmutter stirbt, und am Tag der Beerdigung die Welt im Münsterland in einer Schneekatastrophe untergeht. „Ralfs Oma wird heute beerdigt. Ich beschließe, aufgrund des heftigen Schneefalls nicht nach Rheine zu fahren. Es schneit den ganzen Tag, abends beginnt der Stromausfall“, so erinnert sich Anja Horstmann aus Rodde, die bis 2005 mit ihrem Mann Ralf und dem 3 Wochen alten Hendrik noch in der Bauerschaft Samberg/Metelen wohnte. Am Freitag, 25. November, wurde die Oma von Ralf Horstmann, die 100jährige Auguste Klasing auf dem Friedhof Königsesch beerdigt. „Unsere Schuhe waren in dem hohen Schnee auf dem Friedhof schon nicht mehr zu sehen“, erzählt Ralf Horstmann.
Samstag, 26. November: „Morgens war alles zugeschneit. Der Wirtschaftsweg (Maßmannweg) war bis zur Hauptstraße mit dem Pkw unbefahrbar. Das Festnetztelefon war tot, die Handys, damals noch die alten Nokia Knochen, hatten keinen Empfang mehr. Warme Mahlzeiten konnten noch auf unserer Kochmaschine zubereitet werden. Diese wurde mit Holz beheizt, die Räume wurden jedoch kaum davon erwärmt. Meine Mutter kochte während des Stromausfalls für unsere Nachbarn ebenfalls warme Mahlzeiten, weil dort keine Holzkochstelle zur Verfügung steht. Unsere Milchkühe konnten nicht gemolken werden, es war kein Trinkwasser mehr vorhanden, weder für Mensch noch für die Tiere. Das Haus kühlte immer mehr ab.“ Nachmittags kam der Nachbar mit dem Trecker, der von den reihenweise umgeknickten Strommasten berichtete. Es würde wohl länger dauern, bis Strom wieder fließen würde. Dann half ein Nachbar, der versuchte mit einem Notstromaggregat die Melkmaschine anzuschließen, was aber misslang. Das schlimmste aber war aus dem Stall zu hören: „Die Tiere brüllten den ganzen Tag!“ Nicht nur, dass die Kühe nicht gemolken werden konnten, es fehlte auch an Trinkwasser. Behelfsmäßig wurden
mit Schnee gefüllte Eimer ins Haus getragen um Schmelzwasser zum Trinken und für die Toilettenspülung zu erhalten. Wir hören durch ein mit Batterien betriebenes Radio fast jeden Lokalreport von Radio RST, notiert Anja Horstmann.“ „Ein Nachbar besorgte mit einem Wasserbehälter Wasser aus der Vechte.“ Zum Glück kam er abends mit einer Notstromaggregatmelkmaschine, mit der er vorher seine Kühe gemolken hatte. „Das Melken unserer Kühe erfolgte bei Kerzenlicht.“ Am nächsten Tag, Sonntag 27.m November, gegen 16 Uhr erreichte Anja Horstmann endlich ihren Mann Ralf mit dem Handy in Rheine, um ihm die Situation zu schildern. „Ich kann ihn nur sehr undeutlich verstehen“.
Am Montag, 28. November, morgens um 6.00 Uhr nach der Nachtschicht schafft es Anjas Mann, Ralf zum Hof zu seiner Familie zu kommen. Der Maßmannweg ist immer noch nicht mit dem Auto passierbar. Ralf Horstmann lässt das Auto an der Hauptstraße stehen und läuft einen Kilometer im Dunkeln bis zum Hof, Maßmann. Das Haus kühl so stark aus, dass Anja Horstmann folgendes notiert: „Wir liegen zu Dritt im Bett und wärmen uns gegenseitig. Hendrik, der zu dem Zeitpunkt grade mal 3 Wochen alt ist, ist während der ganzen Zeit in 2 Decken gehüllt eingepackt und schläft ohne Pause.“ „Als es draußen hell wird, fahren Ralf und ich zum Flughafen Greven und holen von dort ein Notstromaggregat und kaufen Brot, Mineralwasser und Benzin. Man sieht unterwegs sehr viele Mitarbeiter und Fahrzeuge vom THW, von den Maltesern, Deutsches Rotes Kreuz und mehr.“
„Die VEW stellt bei Kestermann ein Notstromaggregat auf. Wir bekommen um 19.00 Uhr wieder Strom. Alle daran angeschlossenen Höfe werden aufgefordert jeden nicht unbedingt notwendigen Stromverbrauch zu unterlassen, damit das Aggregat nicht überlastet wird.“
„Im Dorf werden Sammelbehälter aufgestellt, in dem man verdorbene Lebensmittel (z. B. Tiefkühlkost) entsorgen kann.“ Und dann erinnert sich Anja Horstmann noch an ihre Schwägerin: Über Ochtrup wurde sogar im südamerikanischen Fernsehen berichtet, informierte ihre Schwägerin Britta Horstmann, die zu der Zeit mit ihrer Familie in Bolivien lebte und für eine Hilfsorganisation arbeitete. Selbst die Gründe der Katastrophe, ein sehr seltenes Wetterereignis gerade im Münsterland und der veraltete Thomasstahl, der die Strommasten wie Streichhölzer knicken ließ, hat Anja Horstmann notiert. Zum Schluss dann „9 Monate nach dem Stromausfall im Münsterland erhalten alle Babys, die geboren werden, 300 € von der VEW geschenkt.“
Text u. Foto Klaus Offenberg: Kronenbrüche durch extreme Schneelast im Riesenbecker Berg